Deutschland, wie könnte es anders sein
Ich habe das heute Nachmittag im Radio gehört. In keinem der gelesenen Online-Berichte habe ich allerdings etwas gefunden, das diese Vermutung erhärten könnte oder auch nur wiederholt hätte. Vielmehr wird betont, dass die irische Regierung es wohl unterlassen habe, ihre Bevölkerung über die wichtigen Punkte des Vertrages zu informieren.
In der NZZ lese ich einen Kommentar zum Ausgang der Abstimmung, der mich wirklich ärgert. Die Schweizer partizipieren in hohem Umfange von den Vorteilen, die ihnen die Zusammenarbeit mit der EU bietet. Eigentlich wäre es unter diesem Aspekt fair, wenn sich die Damen und Herren Kommentatoren bei dieser Abstimmungspleite ein wenig zurückhielten. Aber nein. Da wird Öl ins Feuer gegossen und -freundlich ausgedrückt- Vorbehalte gegen das deutsche Demokratieverständnis geäußert. Oder wie soll man solche Aussagen verstehen?
Nur hin und wieder wagen es einige Mitgliedsländer, das eigene Volk entscheiden zu lassen. Frankreich gehört löblicherweise dazu – über das Maastricht-Abkommen 1992 und dann über den Verfassungsvertrag vor drei Jahren. Großbritannien dagegen, das seinen Bürgern seit dem Beitritt Europa-Abstimmungen schon mehrmals versprochen hat, fürchtet sich. Deutschland hat, wie könnte es anders sein, prinzipielle Bedenken. (NZZ)
Leute, die uns prinzipielle Bedenken gegen plebiszitäre Elemente in unserer Demokratie vorhalten, sollten zunächst einmal die Einwohnerzahl Deutschlands mit der ihres Landes vergleichen. Falls da aber noch nichts rappelt, könnte man auch mal einen Blick in die Geschichtsbücher werfen. Wir haben keine so lange demokratische Tradition wie die Schweiz. Das ist zwar schade, und ich bewundere die Schweizer für ihre Demokratie, aber man kann solche Dinge eben auch nicht so schnell verändern. Es ist sehr unfair, im Zusammenhang mit den Abstimmungen über den EU-Vertrag mit solchen Voreingenommenheiten zu argumentieren.
Was aus diesem EU-Vertrag wird ist mir nicht egal. Aber mein Herz hängt nicht an einem Vertrag. Allerdings bin ich nach wie vor ein leidenschaftlicher Fan der EU. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass der Prozess, der hinter diesen politischen Querelen steht, nicht mehr umkehrbar ist. Und das gibt mir die Hoffnung, dass die Technokraten und Bürokraten in Brüssel und Straßburg irgendwann etwas Brauchbares zustande bringen. Etwas, um das uns sogar die Schweizer beneiden werden.


