Autor Horst Schulte · 01-05-2008 · Tags: Arbeitsbedingungen, Hungerlöhne, Kapitalismus, Lidl, Mindestlöhne, Wallraff, Wirtschaft
Keine Sorge. Brötchen schon, aber keine Abmahnung. Jedenfalls nicht für mich. Günter Wallraff hat einmal wieder „zugeschlagen“. Investigativ war er unterwegs. Vor kurzem hörte ich ihn erzählen und dachte, da ist er mal wieder in aufklärerischer Mission unterwegs. Er müsse sich jünger machen. In seinem Alter (65) wäre es schwer, an Jobs heranzukommen. Es ist ihm jedenfalls gelungen. Auf dem Foto im Beitrag von Zeit online -jedenfalls auf Anhieb- ist er nicht wiederzuerkennen.
Dass wir nicht so recht wissen, woher die Nahrungsmittel eigentlich so kommen, die wir Tag für Tag konsumieren, hat uns ja noch nie gestört – nicht wahr? Daran wird auch diese Enthüllungsstory nichts ändern. Jedenfalls hat Wallraff seinen Job bei einem mittelgroßen Brötchenbäcker aufgenommen, der seine Produkte an Lidl vertreibt. An schlechte Presse sind die ja wohl gerade schon eingestellt.
Wie gewöhnlich, baut Wallraff Grundlagen seiner Sicht der Dinge auch in seinen neusten Plots sein.
Dass ich ihm dafür dankbar bin, will ich an dieser Stelle kurz festhalten.
Der übliche Stundenlohn beträgt hier 7,66 Euro brutto, ein Billiglohn also, netto bleiben den Arbeitern weniger als sechs Euro. Der Verdienst jedes fünften Vollzeitbeschäftigten in Deutschland liegt inzwischen unter der offiziellen Niedriglohnschwelle von weniger als 9,61 Euro im Westen beziehungsweise weniger als 6,81 Euro im Osten. Damit hat Deutschland einen höheren Anteil an Niedriglöhnern unter den Beschäftigten als Großbritannien und nur noch einen wenig geringeren als die USA.
Hervorhebungen von mir
Heute las ich in meiner Tageszeitung vom „allmählichen Verschwinden des Arbeiters aus dem Bild der Gesellschaft“. Sicher ist da etwas dran. Jedenfalls sind die Leute, die über keine oder eine schlechte Ausbildung verfügen, wohl arg in den Arsch gekniffen. Sie sind die ersten, die von solchen Firmen gnadenlos ausgebeutet werden. Aber man nennt das wohl in unseren Tagen „Angebot und Nachfrage“. Diese Menschen haben ein Problem: Sie sind nicht in der Lage, die erforderlichen Effizienzen ans Tageslicht zu bringen, die diese Gesellschaft inzwischen gnadenlos von allen Menschen einfordert. Wir haben uns darauf eingestellt und damit abgefunden. Viele halten diesem Druck stand. Und die es nicht tun, fallen durchs Rost. Zu deutsch: Sie kriegen entweder keinen Job mehr oder begnügen sich mit Arbeiten, die bezahlt werden, wie Wallraff es in seinem Beispiel beschreibt.
Dabei wird sich vermutlich höchstens ein keiner Teil beschweren. Schließlich ist doch alles sozial, was Arbeit schafft. Dies haben viele scheinbar verinnerlicht und zu ihrem Credo gemacht. Prof. Sinn, durfte es letzte Woche in einer Talkshow wieder mal (für ihn und seine Klientel) auf den Punkt bringen: „Mir wäre es auch lieber, wenn alle von ihrer Arbeit leben können, aber leider ist die Realität nun einmal anders“. Und deshalb, so Sinn, soll der Staat (also wir alle) denen Lohnzuschüsse geben, die von ihrem Arbeitgeber nicht hinreichend bezahlt werden. Dass wir über solchen Schwachsinn nicht nur diskutieren müssen, sondern dass dieser Widersinn längst Realität ist, ist einfach kaum zu glauben (s. Aufstocker – Hartz IV). Gewinne sind Privatsache und die Verlust werden der Allgemeinheit überschrieben.
Also, was nützen schon die Aktionen des Günter Wallraff? Lidl wird ordentlich angepisst sein und trotzdem nur ein paar schlappe Statements in die Öffentlichkeit absondern. Danach arbeiten diejenigen, an den Backöfen in Stromberg weiter für den, wie Wallraff es nennt, Hungerlohn und unter Arbeitsbedingungen, die an die Zeit des Frühkapitalismus erinnern. Übrigens: Bei dieser Bäckerei, die zwar einen Großkonzern beliefert, handelt es sich um ein typisches Unternehmen der mittelständischen Wirtschaft. Wieder ein Beleg dafür, dass nicht nur die Großen es verstehen, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auszubeuten, sondern dass das Verständnis dafür, längst bei mittleren und kleinen Unternehmen hochentwickelt wurde. Die Bäckerei beliefert Lidl. Lidl andere Großkonzerne haben alle Möglichkeiten, durch die Einkaufsmacht eines Großkonzerns Preise zu diktieren und somit die Lebensgrundlagen vieler Menschen massiv zu beeinflussen. Und das kommt dann am Ende nicht nur den Bilanzen dieser Firmen zugute, sondern natürlich auch uns, den Verbrauchern. Das war übrigens gerade kürzlich bei den Milchpreisen ja nicht anders. Und – hat es jemanden interessiert? Außer den Bauern, meine ich?
Jedenfalls wird Wallraff mit seinem neuen Projekt wohl wieder eine Weile in vieler Munde sein.
Arbeitswelt: Günter Wallraff als Niedriglöhner Brötchen | ZEIT online













