Gesellschaft · Sonntag, 24.Februar 2008 19:34 · 7 Kommentare
Unsere Empörungsrituale kotzen mich an!
G e g e n Denkverbote
Wenn man Böhmers Aussagen zu Kindstötungen liest, ist man erst einmal empört. Das geht ratzfatz. Und das wird im Westen nicht anders sein als im Osten. Warum auch? Wenn man allerdings konzediert, dass Böhmer aufgrund seiner beruflichen Erfahrungen als Chef einer gynäkologischen Abteilung ganz persönliche Erkenntnisse mit dem Verständnis betroffener Frauen mit ungewollten Schwangerschaften gewonnen hat, sollte man schon nicht gleich losschreien. Denkverbote sind auch bei einem Problem dieser Tragweite nicht angebracht.
Die Abtreibungspraxis in der ehemaligen DDR war jedenfalls offenbar eine andere, als die in der Bundesrepublik. Vielleicht gibt es einen Zusammenhang mit den häufigen Kindestötungen, über die wir uns heute alle gemeinsam erschüttert äußern. Vielleicht ist das deshalb so, weil man sich damals mit dem Wert menschlichen Lebens weniger intensiv befasst hat, als das hier und heute der Fall ist. Wenn das aber so sein könnte, dann sollten wir nicht jeden, der sich ernsthaft darum bemüht, diese ungeheuerlichen Vorgänge in unserer Gesellschaft zu klären oder eine überhaupt eine Erklärung dafür zu finden, gleich an den medialen Pranger stellen und den Rücktritt zu fordern. Irgendeinen Grund muss es geben, wenn Mütter oder Väter ihre Kinder töten. Und dass dieser Grund auch in der Sozialisierung von Menschen zu suchen sein kann, liegt nicht außerhalb des Denkbaren. Warum sollte man es dann nicht aussprechen? Ich sehe in diesem Beitrag keine einseitigen Schuldzuweisungen, sondern einen ernst zunehmenden Beitrag, um dahinter zu kommen, welche Dinge in unserer Gesellschaft falsch laufen.
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Gelesen: 401 · heute: 2 · zuletzt: 24. July 2008 | Drucken | Trackback-Link | Rivva
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7 Kommentare
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Kinderschutz & Lebensschutz! Danke, Dr. Boehmer! »
Mich wundert so eine Äußerung trotzdem. Mein Schwiegernichte in Spe kommt aus der Gegend, ist 25 und schaut mich immer ganz ratlos an, wenn ich sie was über die DDR frage. Über welche Altersgruppe von Frauen redet Böhmer da eigentlich?
Ich glaube zu wissen, dass es in der DDR die Fristenregelung gab. Das heißt, die Frauen brauchten ihren Abtreibungswunsch nicht zu begründen, es wurde weder nach einer Härte-Situation gefragt, noch brauchten sie sich beraten zu lassen, wie es jetzt bei uns der Fall ist. Daher kann ich mir durchaus vorstellen, dass eine etwas geschwätzige Frau mit nicht sehr tiefgehenden ethischen Grundsätzen erzählt, dass ihr der lang ersehnte Schwarzmeer-Ferienplatz wichtiger ist als jetzt ein Kind zu bekommen (Das war ja die Erzählung des Dr. Böhmer).
Das sagt etwas über die Reise- und Freizügigkeitssituation der DDR aus –
aber das sagt überhaupt nicht, warum die Frauen im Osten heute ihre ungewünschten Kinder austragen und dann töten. Ist es, weil sie mit der Beratung, die einer Abtreibung vorgeschaltet ist, nicht klarkommen? Wie verhalten sich die Kliniken, wenn eine Frau „einfach so“ mit einem Abtreibungswunsch kommt? Wie erfahren die Frauen, dass sie vorher zu einer Beratungsstelle gehen müssen? Oder wird ihnen nur gesagt „so einfach wie früher geht das nicht mehr“, basta? Wie viele und was für Beratungsstellen gibt es? Eine agnostisch erzogene Ost-Frau wird nicht zu einer kirchlichen Beratungsstelle gehen – und wenn doch, wird sie die Beratung als Druck ansehen, das Kind eben doch zu bekommen – und es dann auf sich nehmen, es nach der Geburt zu töten.
Ich glaube, in den neuen Ländern ist eine bessere Information über Abtreibungsmöglichkeiten nötig!
Den Herrn Dr. Böhmer sehe ich doch als einen ziemlich oberflächlichen Schwätzer an.
Ich glaube, in den neuen Ländern ist eine bessere Information über Abtreibungsmöglichkeiten nötig!
Unabhängig von Böhmerts Aussage: das mit Sicherheit nicht!
Sollte nicht viel eher die Frage in den Vordergrund rücken, wie man das (ungeborene) Leben vor solchen Übergriffen schützt? Bevor man Böhmerts Ansicht vollkommen zerreisst, sollte man sich vielleicht auch den einen oder anderen Satz anschauen, bevor man diesen Mann zum Teufel jagt:
Viele Ostdeutsche seien zu sehr auf den Staat fixiert und gäben dadurch ihre individuelle Verantwortung auf.
Abtreibung hin – Kindsmord her: Einhergehend mit der DDR-Versorgungsmentalität sollte man sich diesen Satz vergegenwärtigen, der im übrigen auch den Rest seiner Aussage relativiert.
Daß Böhmert als Gynäökologe Teil dieser fragwürdigen Praxis war, steht wieder auf einem anderen Papier…
Ich denke, dass wir der Frage nachgehen müssen, weshalb so viele Kinder in Deutschland getötet werden oder verwahrlosen. Dabei kommt man an der Frage nicht vorbei, ob die unterschiedliche Sozialisierung von Ost- und Westdeutschen eine Ursache ist. Persönlich glaube ich eher, dass ganz allgemein soziale Gründe eine größere Rolle spielen als ganz allgemein ein Gesellschaftssystem, das, wie immer gern gesagt wird, den Ostdeutschen zu viel individuelle Verantwortung abgenommen hätte. Es ist natürlich gut möglich, dass Menschen in dieser Welt mit ihren Lebensumständen heute weniger klarkommen. Ich fürchte nur, dass uns solche Erkenntnisse nicht weiterbringen werden. Entscheidend wäre eher, den Menschen wieder Perspektiven zu geben. Die fehlen mehr denn je. Im Osten wohl mehr als im Westen.
Einem Pressebericht zufolge hat in der ehem. DDR jede 3. Frau abgetrieben. Was mag das für die durch Böhmer erneut angestoßene Diskussion bedeuten?
Hinweis auf mangelnde Produktionskapazität oder -qualität in Zschopau? (Plaste und Elaste aus …) 
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