Gesellschaft, Medien, Politik · Sonntag, 10.Februar 2008 21:41 · 4 Kommentare

Keine Assimilation!


B*ld zeigt wieder, welch verheerendes Potenzial die Medien haben. Aussagen des türkischen Ministerpräsidenten Ergodan werden als Provokation diffamiert.

Die Tatsache, dass Erdogan seinen Landsleuten empfiehlt, sich nicht zu assimilieren, stellt in meinen Augen nichts dar, worüber man streiten sollte. Gleichzeitig empfahl er nämlich ausdrücklich, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren. Wer sich mit diesen Begriffen der Soziologie nur ein wenig auseinandersetzt, der wird schnell dahinter kommen, dass eine gelungene Integration nicht zwangsläufig in eine Assimilation aufgehen muss.

Wenn Ergodan moniert, dass die EU ein Christen-Club ist und man dürfte deshalb nicht von einer Allianz der Kulturen sprechen, so ist das ja auch nicht gerade abwegig. Wir sind nicht bereit, uns auf andere Kulturen, speziell den Islam (Terrorismus hin oder her), einzulassen, verlangen das aber ohne mit der Wimper zu zucken, von allen anderen. Das ist einfach nur typisch!

Dass die B*ld-Zeitung im gleichen Beitrag die Kopftuchentscheidung herauskramt, die das türkische Parlament eben getroffen haben, passt natürlich ins Bild oder besser gesagt in den zeitlichen Zusammenhang der Reise Ergodans nach Deutschland uns seinen aufsehenerregenden Auftritten. Diese wurden, man glaubt es kaum, in türkischer Sprache angekündigt und zu allem Überfluss hielt er seine Rede auch noch auf türkisch. Und das alles ohne Übersetzung. Das überfordert die misstrauischen Deutschen bei weitem. Wenn man dann noch zur Kenntnis nehmen muss, dass „die Türken“ grundlos annehmen, dass der Wiesbadener Wohnhausbrand vielleicht aufs Konto von Nazis gehen könnte, ist die Provokation der deutschen Stammtische perfekt.

Dank an die B*ld-Zeitung für die Vorgabe der Richtung.



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4 Kommentare

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Gilbert
Feb 12, 2008 9:46

1

Jetzt versteh‘ ich dich nicht mehr so ganz. Das, was Erdogan, abgesehen von ein paar Soziologie-Profs mit rosaroter Brille, rüberbringt, ist: „Ihr seid Türken und ihr sollt auch Türken bleiben. Keine Verbrüderung mit einer neuen Heimat.“ Und die Reaktionen der Zuhörer in Interviews sind auch eindeutig: „Wir sind stolz auf unsere Heimat!“ Text in Deutsch – gemeint ist die Türkei. Wie soll da so was wie Integration oder was auch immer entstehen, wenn der Minderheitsteil offensichtlich überhaupt nicht daran interessiert ist?

Bei der Kopftuchangelegenheit bleibt mal abzuwarten, ob das nicht schnell ins Gegenteil umschlägt und Frauen, die keines tragen, angemacht werden. Ein religiöses Symbol ist das nicht, sondern mehr ein Zeichen der Unterdrückung der Frauen.

Und was den Wohnhausbrand angeht: hier wird in der Türkei und auch bei den Türken in Deutschland ganz bewusst Stimmung gegen Deutsche gemacht. Völlig ausgeklammert wird beispielsweise eine türkisch-kurdische Vendetta, was in den meisten Fällen sogar Ergebnis der Ermittlungen ist, aber regelmäßig fein säuberlich nach der vorhergehenden Nazihetze verschwiegen oder auf Seite 25 zwischen den Kleinanzeigen versteckt wird.

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Horst Schulte
Feb 12, 2008 12:04

2

Ich versuche eigentlich nur, die Dinge etwas entspannter zu sehen. In der Öffentlichkeit werden hitzige Debatten geführt. Dabei wird oft nicht einmal erwähnt, dass E. ausdrücklich von den hier lebenden Türken Integration verlangt hat. Auch, dass die deutsche Sprache hierfür von besonderer Wichtigkeit ist. Das ist das Eine. Die andere Sache ist, dass er nicht davon gesprochen hat, dass die Türken sich nicht anpassen sollen (wie es in verschiedenen Medien verkürzt zu lesen war), sondern dass „Assimilation eine Sünde“ sei. Wollen wir jetzt plötzlich aufgrund einer neu aufgekommenen „Stimmung“ in unserem Land von unseren ethnischen Minderheiten verlangen, dass sie sich assimilieren? Warum sollte in selbstbewusstes Volk (ich meine uns) nicht zulassen, dass kulturelle Eigenständigkeiten auch künftig weiter bestehen bleiben? Damit meine ich weder Zwangsehen noch Ehrenmorde. Alles hat sich auf dem Boden unseres Grundgesetzes abzuspielen. Darauf hätte Ergodan hinweisen müssen. Einverstanden. Nun wurde eine Hysterie entfacht, die in meinen Augen nur eines zeigt: Wie unsicher wir uns in Fragen der Integration sind und auch, wie groß die Vorbehalte vieler Deutsche gegen alles Fremde immer noch sind. Das erschreckt mich. Die Haltung ist nicht zukunftsorientiert, weil sie im Grunde überhaupt keine Lösungswege offen lässt.

Wir brauchen aber Lösungen und eben keine Abgrenzungsstrategien.

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Gilbert
Feb 12, 2008 13:24

3

Man muss das mal im Zusammenhang sehen: da verkündet die türkische Regierung „wir senden Ermittler nach Ludwigshafen“, und nicht etwa die deutsche Regierung: „die Türkei hat die Unterstützung durch türkische Ermittler angeboten, und wir haben dankbar angenommen.“ Da verkünden türkische Medien und Deutschtürken bei Interviews im Rundfunk „Das waren doch Nazis oder so, oder?“. Da hält ein türkischer Staatsgast eine Rede – aber nur für Türken. Deutsche werden bereits bei der Bekanntmachung ausgeschlossen. Und dann kommen noch so feingeistige Unterscheidungen über Integration und Assimilation, über die sich nun deutsche Intellektuelle die Köpfe heiß reden.

Die Zielgruppe für das Ganze sind aber mindestens 3,4 Millionen Türken (und durch die Hintertür nochmals so um die 6-7 Millionen aus dem arabisch-islamischen Bereich), von denen noch nicht mal die Hälfte einen Hauptschulabschluss hat. Da kommt Feingeistigkeit nicht an, sondern nur die grobe Botschaft „Die wollen uns nicht, und wir wollen die nicht.“ Vom Intellekt her die gleiche Mischung, die bei der Sportpalastrede von Goebbels laut „Hurra!!“ und „Sieg Heil!“ geschrieen hat.

Es geht nicht um die Zulassung kultureller Eigenständigkeit. Die wäre ohnehin gegeben. Schau in die USA, die verschiedenen Volksgruppen sprechen auch nach 100 Jahren in den Stadtbezirken noch ihre alte Sprache – aber im Zweifelsfall versammeln sich alle unter der Fahne und sprechen Amerikanisch. Das sind voll assimilierte Amerikaner mit kultureller Eigenständigkeit – und hier darf ein Herr E. auch noch die Abgrenzung und ewige Verbundenheit mit der Türkei predigen.

Du hast oben von den Deutschen als „selbstbewusstes Volk“ gesprochen. Möchte ich stark bewzeifeln. Wenn die Deutschen auch nur ein Fünkchen Selbstbewusstsein entwickeln dürften, hätten wir eine Menge Probleme weniger. Was ist z.B. so falsch daran, wie in den USA einen Eid auf die Verfassung leisten zu müssen und hinterher mit unter der Fahne stehen zu dürfen (oder eben wieder zu verschwinden, wenn man das nicht will)?

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andreas Kirchhoff
Feb 14, 2008 8:43

4

zum Thema Parallelgesellschaften:

Assimilation sollte man auch vom deutschen Hügel auf Mallorca
und ähnlichen Clustern in Toskana fordern.
(aber die haben ja Geld)

es gibt einen alten Film mit Emil:
Die Schweizermacher(ein guter Beitrag zu dieser Diskussion.)

Wie schreien wir Deutschen immer auf wenn deutschen Bürgern in
der weiten welt was angetan wird.

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