Der letzte macht das Licht aus

Autor Horst Schulte · 30-01-2008 · Tags: ,

Schlechte Nachrichten machen sich immer gut. Insofern ist es auch kein Wunder, dass, egal in welchen Medien, sich alle redlich um solche bemühen. Manchmal weiß ich nicht mal mehr, ob die Leute, die sich so betont negativ über Deutschland äußern, dies nur deshalb tun, weil sie sich wirklich Sorgen machen oder eben doch nur deshalb, weil sie ihre eigene Auflage oder Einschaltquote befördern möchten.

Erst vor ein paar Tagen äußerte sich Herr Rürup einmal wieder zur Zukunft unserer Rente. Er spricht davon, dass viele Menschen in Altersarmut leben werden. Alles nichts neues, nur wenn man es immer und immer wieder hört, eignet sich der Begriff „Zukunft“ in diesem Zusammenhang eigentlich nicht so prima. Aber das stört Herrn Rürup nicht. Im Gegenteil. Er müht sich redlich darum, die Brisanz des Themas zu steigern. Millionen von Menschen sollen betroffen oder zumindest vom Risiko der Altersarmut bedroht sein. Sicher ist er der Meinung, die Bevölkerung sollte besser mit der Wahrheit konfrontiert sein, als irgendwann mit kurzem Hemdchen dastehen. Mit solchen Realitäten müssen erwachsene, mündige Bürger doch umgehen können. Schon klar. Bloß möchte ich denjenigen mal sehen, bei dem solche Nachrichten keinen Wirkungstreffer erzeugen.

Heute lese ich einen Artikel vom Cicero-Herausgeber, Herrn Weimer. Er beschäftigt sich einmal wieder damit, dass alle 4 Minuten ein Deutscher unser Land (für immer?) verlässt. Er sieht das als Beleg dafür, dass die Zukunftsfähigkeit unseres Landes in Frage gestellt wäre – zumindest von denen, die konkret das Weite suchen. Natürlich sind diese Zahlen beunruhigend. Angeblich wanderten seit 120 Jahren nicht mehr so viele Leute aus Deutschland aus. Und es sind meist junge Leute. Gut gebildet und ausgebildet sind sie zudem. Sie suchen ihre Chancen im Ausland. Herr Weimer sieht den Grund hierfür in zu hohen Abgabenlasten, allgemein in zuviel Staat. Da hat er natürlich diejenigen auf seiner Seite, die sich als die Leistungsträger dieser Gesellschaft gern in den Vordergrund solcher Diskussionen stellen. Er vergleicht Einkommen und weist die Hauptverantwortung der zu hohen Abgabenlast zu. Der Staat ist also schuld. Wer denn auch sonst?

Man erörtert über Jahre, wie man den Wohlstandskuchen noch ein bisschen gerechter verteilen könnte, doch unterdessen flüchten diejenigen aus der Küche, die den Kuchen backen sollen. Unser Problem sind nicht 100 maßlose Manager oder 100000 türkische Familien in vermeintlicher Armut. Es sind die Millionen der Mittelschicht, die die Gesellschaft tragen, sich aber von ihr zusehends weniger getragen fühlen.

(Weimer, Cicero)

Seltsam, dass er einen Aspekt aus seiner Beschreibung vollkommen ausblendet. Wie verhält es sich mit der Globalisierung? Warum sollten nicht aufgrund der völlig veränderten Rahmenbedingungen, die weltweit gelten, nicht mehr Menschen als früher diesen Prozess auch für sich persönlich nutzen und ein „Nomaden-Dasein“ beginnen? Ich meine das nicht abwertend, sondern ich denke, dass die höhere Anzahl von Leuten, die unser Land verlassen, maßgeblich damit zu tun haben wird. Nie war es so einfach, seinen Wohnort in ein anderes Land zu verlegen. Und ich denke da nicht nur an die Europäische Union. Dass Ärzte in anderen Ländern mehr verdienen liegt wohl zweifelsfrei an unserem bekloppten Gesundheitssystem. Das wäre aber eine einzelne Berufsgruppe, für die man Einkommensunterschiede in gravierenden Größenordnungen konstatieren muss. Es gibt sicher viele Länder, in denen bessere Löhne und Gehälter bezahlt werden. Wir müssen nur in die Schweiz schauen. Da wäre für meine Begriffe dann auch einmal die Frage angebracht, warum sich denn das Lohn- und Gehaltsniveau in Deutschland über ein Jahrzehnt hinweg so schlecht entwickelt hat. Doch wohl deshalb, weil ein Teil der von Herrn Weimer angesprochenen Leistungsträger dieser Gesellschaft auf dem Rücken anderer Leute ihre Karrieren gemacht haben und sich heute gerade deshalb zu diesen Leistungsträgern zählen dürfen. Ja, ja. Das klingt nach Klassenkampf. Ich weiß. Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass die Abnahme der Solidarität in unserer Gesellschaft einen ganz wesentlichen Teil dazu beigetragen hat, dass viele mit unserem Land nicht mehr zufrieden sind. Allein ein Schlagwort wie „Leistung muss sich wieder lohnen“ reicht jedenfalls nicht dazu aus, solche Tendenzen umzudrehen.




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